Rezensiert für H-Soz-u-Kult von Dieter Pohl
Da Bogdan Musials Replik auf meine Rezension meines Erachtens nur wenig zur Klaerung der von mir vorgebrachten Kritikpunkte beitraegt, moechte ich ihm hier antworten:
Bogdan Musial hat Recht. Ich habe die Opferzahl der stalinistischen Morde vom Sommer 1941 tatsaechlich zu hoch angesetzt. Grundsaetzlich stimmen auch seine Angaben zur Statistik der Deportationen aus Ostpolen. Nur: Ich meinte die Verhaftungen und nicht die Deportationen. Somit beruhen diese vier Absaetze seiner Replik auf einem Missverstaendnis.
Die von ihm neu dargelegten Zahlen zur Ueberrepraesentierung von Juden im sowjetischen Staats- und Wirtschaftsapparat aendern nichts an dem Problem, dass nicht in erster Linie diese Prozentsaetze, sondern die Wahrnehmungsmuster der nichtjuedischen Bevoelkerung und des nationalistischen Untergrunds die entscheidenden Faktoren sind. Solche Wahrnehmungsmuster bestanden in Teilen der Bevoelkerung Polens eben schon vor dem sowjetischen Einmarsch. Diese viel komplexeren Fragestellungen sind es, die uns auf den Grund der antijuedischen Gewalt bringen.
Ich habe von Bogdan Musial nicht erwartet, eine umfassende Analyse dieser Vorgaenge zu praesentieren. Vielmehr haben mich die Ungereimtheiten in Analyse und Sprache, die mangelnde Rezeption der amerikanischen bzw. russischen Forschung und der polemische Ton gegen andere Historiker skeptisch gemacht. Die Erkenntnis, dass es einen Zusammenhang zwischen den NKVD-Massakern und der anschliessenden antijuedischen Gewalt gab, bricht sich seit Mitte der neunziger Jahre Bahn. Die Frage bleibt aber bestehen: in welchem Zusammenhang steht beides?
Dieter Pohl
Quelle = Email <H-Soz-u-Kult>
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